Fortschritt entsteht, wenn aus Technologie eine konkrete Lösung wird

Ruwen Prochnow über den Humanoid-Plan und den produktiven Einsatz humanoider Robotik in Unternehmen

Ein Gastbeitrag von Ruwen Prochnow, Geschäftsführer von EF Robotics und Autor des Buches „Der Humanoid-Plan“.

Wenn Menschen zum ersten Mal einen humanoiden Roboter in Bewegung sehen, entsteht fast immer echte Faszination. Die Maschine greift, bewegt sich durch eine für Menschen gestaltete Umgebung und erinnert in ihrer Form und ihren Bewegungen an uns selbst.

Kurz darauf folgt häufig der Gedanke: So einen Roboter könnten wir in unserem Unternehmen ebenfalls gebrauchen.

Genau an diesem Punkt beginnt jedoch die eigentliche Arbeit. Die entscheidende Frage lautet selten, welchen Roboter ein Unternehmen kaufen kann. Entscheidend ist, welches konkrete Problem der Roboter zuverlässig und wirtschaftlich lösen soll.

Ein Roboter lässt sich anschauen, vergleichen und bestellen. Datenblätter können geprüft und Demonstrationen besucht werden. Deutlich anspruchsvoller ist es, den eigenen Prozess so genau zu verstehen, dass daraus eine klar definierte Aufgabe entsteht.

Vom technischen Interesse zur konkreten Aufgabe

Am Anfang eines Robotikprojekts sollte deshalb nicht die Frage stehen:

„Welchen Roboter wollen wir einsetzen?“

Die besseren Fragen lauten:

  • Welches Problem besteht heute?
  • Welche konkrete Tätigkeit soll übernommen werden?
  • Welches Ergebnis soll anschließend besser sein?
  • Unter welchen Bedingungen muss die Aufgabe funktionieren?
  • Wer trägt im Unternehmen die Verantwortung?
  • Was geschieht bei einer Störung?
  • Woran erkennen wir, dass der Einsatz wirtschaftlich sinnvoll ist?

Diese Fragen wirken zunächst weniger spektakulär als die Präsentation eines neuen Roboters. Sie entscheiden jedoch darüber, ob aus technischer Begeisterung eine produktive Anwendung entsteht.

Ein Kunde fragt häufig nach einem bestimmten Gerät oder einer bestimmten Funktion. Der tatsächliche Bedarf liegt aber meist tiefer. Dahinter können ein Personalengpass, unnötige Laufwege, eine wiederkehrende Tätigkeit oder ein Prozess stehen, der mit dem gewünschten Gerät möglicherweise gar nicht optimal gelöst wird.

Deshalb gilt: Robotik beginnt nicht beim Roboter. Sie beginnt beim Prozess.

Mein eigener Weg in die Robotik

Mein Einstieg in die Robotik begann 2021, mitten in der Corona-Zeit. Unsere damaligen Geschäftsbereiche rund um Events und Gastronomie waren durch die Pandemie praktisch vollständig zum Erliegen gekommen.

In dieser Phase erhielt ich ein Video aus Shanghai. Darauf war ein Serviceroboter in einem Restaurant zu sehen. Dieses Video war weder eine Marktanalyse noch ein ausgearbeiteter Businessplan. Es war zunächst nur ein Signal.

Für mich entstand daraus eine entscheidende Frage: Wenn diese Technologie dort bereits praktisch eingesetzt wird, welche Möglichkeiten könnten sich daraus für unseren Markt ergeben?

Ich begann, mich intensiv mit Herstellern, Systemen und möglichen Anwendungen auseinanderzusetzen. Wir entschieden uns, praktische Erfahrungen zu sammeln, kauften einen Container mit Robotern und ließen die ersten drei Geräte per Luftfracht liefern.

Auf der Internorga 2022 präsentierten wir die Systeme erstmals öffentlich. Parallel sprachen wir mit bestehenden Kunden aus der Gastronomie. Daraus entstand unmittelbar eine konkrete Kaufanfrage: Das Restaurant Meeresblick aus Waabs kaufte unseren ersten Bella-Serviceroboter.

Damit begann eine Lernkurve, die bis heute anhält.

Was der Kunde möchte und was der Prozess braucht

Aus meinem vorherigen Geschäft brachte ich nicht das technische Wissen zur Entwicklung eines Roboters mit. Ich hatte jedoch gelernt, zwischen dem zu unterscheiden, was ein Kunde zunächst haben möchte, und dem, was sein Betrieb tatsächlich braucht.

Diese Unterscheidung wurde in der Robotik besonders wichtig.

Ein Roboter kann technisch beeindruckend sein und trotzdem am tatsächlichen Bedarf vorbeigehen. Umgekehrt kann eine vergleichsweise unspektakuläre Anwendung einen hohen Wert schaffen, wenn sie ein konkretes betriebliches Problem zuverlässig löst.

Technisches Wissen bleibt deshalb unverzichtbar. Genauso wichtig ist aber die Fähigkeit, Technologie in einen betrieblichen Zusammenhang zu übersetzen.

Was muss tatsächlich funktionieren? Welche Bedingungen herrschen im Alltag? Welche Ausnahmen treten auf? Wer greift ein, wenn der Ablauf unterbrochen wird? Und welchen messbaren Nutzen erzeugt die Lösung?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich beurteilen, welche Technologie zum Prozess passt.

Demonstration und betrieblicher Nutzen sind nicht dasselbe

Eine gute Demonstration zeigt, was technisch möglich ist. Sie beantwortet noch nicht automatisch die Frage, ob eine Anwendung im täglichen Betrieb trägt.

Im realen Unternehmen verändern sich Bedingungen. Menschen bewegen sich anders als geplant, Wege werden blockiert, Gegenstände stehen nicht immer an derselben Position und Abläufe folgen keinem perfekt vorbereiteten Skript.

Deshalb muss ein Robotikprojekt über die Demonstration hinausdenken. Entscheidend ist, ob die Anwendung unter den tatsächlichen Bedingungen des Kunden zuverlässig funktioniert und in den bestehenden Prozess integriert werden kann.

Das erfordert einen klar abgegrenzten Anwendungsfall. Statt sofort einen vollständigen Arbeitsplatz ersetzen zu wollen, ist es häufig sinnvoller, mit einer konkreten Tätigkeit oder einem überschaubaren Teilprozess zu beginnen.

So lassen sich praktische Erfahrungen sammeln, Grenzen erkennen und die nächsten Schritte auf Grundlage realer Ergebnisse festlegen.

Praktisch lernen, ohne blind zu kaufen

Unternehmen müssen bei humanoider Robotik nicht jahrelang abwarten. Sie sollten aber auch nicht allein aus Begeisterung eine Kaufentscheidung treffen.

Der sinnvollere Weg liegt dazwischen: einen konkreten nächsten Schritt definieren, eine klar begrenzte Aufgabe praktisch erproben und aus dem Ergebnis die nächste Entscheidung ableiten.

Jeder Test sollte dabei einen betrieblichen Zweck erfüllen. Es geht nicht darum, einen Roboter möglichst eindrucksvoll zu präsentieren. Es geht darum, herauszufinden, ob und wie die Technologie einen realen Prozess verbessern kann.

Aus dieser Vorgehensweise ist mit der Zeit EF Robotics entstanden. Aus den Erfahrungen mit Servicerobotern, Logistik, Industrie, Herstellern und realen Kundenprojekten entwickelte sich schließlich auch der Humanoid-Plan.

Der Prozess entscheidet

Humanoide Robotik eröffnet Unternehmen neue Möglichkeiten. Produktiver Nutzen entsteht aber erst dann, wenn aus Technologie eine konkrete Lösung wird.

Dafür braucht es keine Technikbegeisterung um ihrer selbst willen. Es braucht ein klares Problem, einen verstandenen Prozess, eine definierte Aufgabe und den Mut, praktische Erfahrungen zu sammeln.

Die wichtigste Einstiegsfrage lautet deshalb nicht:

„Welchen humanoiden Roboter sollen wir kaufen?“

Sie lautet:

„Welche Aufgabe müsste unser erster humanoider Mitarbeiter an seinem ersten Arbeitstag zuverlässig erledigen?“

Genau dort beginnt der Weg von der technischen Möglichkeit zum produktiven Einsatz.


Ruwen Prochnow ist Geschäftsführer der EF Sales GmbH und beschäftigt sich mit der praktischen Einführung von Service-, Logistik- und humanoiden Robotern in Unternehmen. Sein Buch „Der Humanoid-Plan – Von der Idee zum produktiven Einsatz“ erschien am 15. September 2026.

Alltagshelfer der Zukunft: igus beschleunigt humanoide Robotik mit Low Cost Automation

Auf der Hannover Messe 2022 stellt igus den ersten Prototypen eines humanoiden Low Cost Roboters vor

Köln, 27. Mai 2022 – Mensch, Maschine – oder beides? Humanoide Roboter sind längst nicht mehr nur Science-Fiction, sondern Realität. Auch igus forscht bereits seit einiger Zeit an humanoider Robotik und stellt nun auf der Hannover Messe einen Prototypen des motion plastics bot vor: ein humanoider Roboter, der die Vorteile von Hochleistungskunststoffen und Low Cost Automation vereint.

Roboter sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Spätestens seit dem Wandel zur Industrie 4.0 werden immer mehr Aufgaben automatisiert – und davon profitieren auch neue Formen der Robotik. Doch Roboter können nicht nur in der Industrie, sondern auch im Alltag für Erleichterung sorgen. Ein Humanoid, der nicht nur funktionell, sondern auch freundlich ist und menschliche Züge trägt, kann den Menschen nicht als Maschine, sondern als Partner begleiten. In der Forschung und Entwicklung von humanoider Robotik gibt es stetig Fortschritte. Zum Beispiel bei einem Forschungsteam der TU Chemnitz, das eine E-Skin entwickelt – eine berührungsempfindliche elektronische Haut, die humanoide Roboter noch menschenähnlicher machen könnte. Immer getrieben von der Frage, in welche Richtung sich die Robotik weiterentwickeln kann, arbeitet auch igus seit einiger Zeit an der eigenen Vision eines humanoiden Roboters – dem motion plastics bot. „Mit dem igus ReBeL und unserem drytech Angebot waren bereits passende Komponenten vorhanden, um Bewegung in einen Roboter zu bringen. Der humanoide Roboter ist ein gemeinsames Projekt mit den Robotik-Experten des Stuttgarter Start-ups TruPhysics, das den intelligenten Humanoiden aus unseren motion plastics sowie weiteren Komponenten zusammengebaut hat. Dort ist er unter dem Namen Robert M3 erhältlich”, erklärt Alexander Mühlens, Leiter Geschäftsbereich Automatisierungstechnik und Robotik bei igus. „Mit dem Bot wollen wir das Zusammenspiel von unseren Produkten aus Hochleistungskunststoffen und integrierter Intelligenz aufzeigen – und das zu einem erschwinglichen Preis.“

Leichter und wartungsfreier Low Cost Humanoid

Für eine lange und störungsfreie Laufzeit ohne Wartung bieten die Tribo-Polymere von igus im motion plastics bot einen klaren Vorteil: Schmiermittelfreiheit. Gleichzeitig ermöglichen die Hochleistungskunststoffe eine leichte Bauweise. Durch ihren Einsatz bringt der motion plastics bot bei einer Höhe von bis zu 2,70 Meter lediglich 78 Kilogramm auf die Waage. Seine Spannweite beträgt 1,50 Meter. Der motion plastics bot verfügt über ein selbstfahrendes AGV (Automated Guided Vehicle), einen teleskopierbaren Körper sowie einen Kopf mit integriertem Bildschirm und Avatar für eine interaktive Kommunikation. Zentraler Bestandteil ist auch der igus ReBeL, ein Serviceroboter mit Cobot-Fähigkeiten, der als Arme des Bots zum Einsatz kommt. Das Herzstück des ReBeLs sind die vollintegrierten Tribo-Wellgetriebe aus Kunststoff mit Motor, Absolutwert-Encoder, Kraftregelung und Controller. Der motion plastics bot bewegt sich in Schrittgeschwindigkeit und verfügt über eine Traglast von 2 Kilogramm pro Arm. Angesteuert wird er als Open Source-Lösung über das Robot Operating System (ROS). Denn das gesamte Low Cost Automation-Angebot von igus lässt sich in ROS abbilden. Mit der Studie zum motion plastics bot vereint igus die Vorteile seiner Hochleistungskunststoffe für die Bewegung und sein Know-how im Bereich Low Cost Automation, um die Entwicklung der nächsten Robotergeneration weiter voranzutreiben.

Lebenslanger Begleiter statt nur Maschine

„Wir sehen viel Potenzial im Einsatz von humanoiden Robotern. Doch unsere Welt ist von Menschen für Menschen gebaut. Statt nur einzelne Automatisierungsteile zu nutzen, ist es daher sinnvoll an Humanoiden und Androiden zu forschen. Die Frage ist, wann ist der Markt soweit?“, macht Alexander Mühlens deutlich. Menschenähnliche Roboter können sowohl gefährliche als auch einfache und monotone Aufgaben übernehmen.Im beruflichen Umfeld können Arbeiten erledigt werden, die über ein bloßes Pick & Place, wie es Roboterarme verrichten, hinausgehen. Im Haushaltsbereich kann ein Bot mehrere Roboter ersetzen: Er könnte selbstständig staubsaugen, Rasen mähen, Einkäufe erledigen, kochen, Wäsche waschen und darüber hinaus alle möglichen Aufgaben erledigen – selbst die Pflege von kranken Menschen. Somit wäre er nicht nur eine Maschine, sondern ein Begleiter, der für eine Menschenleben lange Erleichterung sorgen könnte. „Der Einsatz eines solchen Roboters ist bisher noch mit hohen Kosten verbunden, berücksichtigt man jedoch die mögliche Lebensdauer, würde sich der Einsatz längerfristig amortisieren”, sagt Mühlens. „Unser Ziel ist es, mit motion plastics Komponenten kostengünstige und einfache Lösungen für humanoide Robotik aufzuzeigen.”